Die Entdeckung der Langsamkeit

RTB-Marathonteam ganz langsam im Oberbergischen

20.05.2017

Bericht von Gerd Dürr

Nein, geneigter Leser. Die Läufer des RTB-MT entdeckten auf ihrer diesjährigen Wanderung nicht den Genuss des langsamen Gehens oder gar des langsamen Laufens – langsames Laufen, was ist das denn? Ein Entschleunigungsseminar besuchten wir RTBler auch nicht. Nö. . . gegangen, bzw. gewandert sind wir eigentlich wir immer, recht zügig. Aber wir ließen uns am Sonntag auf den Rhythmus von zwei Süddeutschen Kaltblüter ein - eine völlig neue Erfahrung - und durchquerten bei Kaiserwetter einen Teil des Oberbergischen im Zockeltempo; ohne Stress, ohne die Möglichkeit, das alles beeinflussen zu können und auch ohne die Möglichkeit zu beschleunigen. Ganz in der Hand einer Kutscherin und ihrer zwei äußerst gutmütigen Kraftprotze.

Aber, lest selbst.

Der heilklimatische Luftkurort Nümbrecht im Schonklima – was auch immer hier geschont werden soll, erschloss sich dem Schreiber nicht - im Südteil des Oberbergischen Kreises, bildete dieses Jahr den Ausgangspunkt unserer Wanderung.

Auf der sogenannten Vortour hatten die Kundschafter des RTBs den „Derichsweiler Hof“ auf einem Hügel in Nümbrecht entdeckt und als angemessenes Quartier im Schonklima festgezurrt.

Am 19.05.2017 trafen sich Heike und Udo Stollwerk, Dagmar Sanker und Piet Gerber, Babette und Klaus Lipus, Mila und Udo Siebert, Heike und Jürgen Romlau, Karin und Gerd Dürr, Renate Pelzer, Christa Lendermann, Ricarda Marcus und Hans Peter Volkmer, um Teile des bergischen Panoramasteigs (Wanderzeichen: schwarzer Kringel auf gelbem Feld) zu testen, insbesondere Etappe 11.

Der „Derichsweiler Hof“ ließ an Komfort nichts zu wünschen übrig. Eigenwerbung:

“Das Hotel "Derichsweiler Hof " ist ein gemütliches Hotel mit einer ungezwungenen und persönlichen Atmosphäre in Nümbrecht“.

Abends speisten wir zu 16 Leuten an einer großen Tafel a la carte, Stimmung wie immer super bei RTB-Treffen. Mila und Ingo überreichte Udo und Heike zwei Zinnfiguren, die ein Wanderpaar darstellten. Diese Art der Figuren hatte der Vater von Ingo vor vielen Jahren mit Leidenschaft gegossen und akribisch bemalt. Udo und Heike besitzen nun zwei Siebertunikate.

Nach dem Essen brachten wir das junge Personal, den näher rückenden Feierabend schon vor Augen, so ein wenig ins Schwitzen. Hätte man uns nicht darauf hingewiesen, dass um 23 Uhr der Laden dicht mache, Hotelbar Fehlanzeige, wären noch einige Flasche Rose der Marke „Bassgeige“ geleert worden. Na ja, Nümbrecht eben, leicht oberbergisch provinziell, aber nett. So waren wenigstens am nächsten Morgen um 7 Uhr die üblichen Verdächtigen in der Lage, ihre läuferische 45minütige Morgenrunde zu drehen, inklusive der Besteigung eines hölzernen Aussichtturmes.

Meine Versuche, auf dem Aussichtsturm die Himmelsrichtung von Remscheid ohne Hilfsmittel zu bestimmen, scheiterten kläglich. Auf Klaus dagegen wäre Verlass, wenn es darum ginge, ohne Karte und Navi nach Hause zu finden.

Parallel zum morgendlichen Joggen wartete Mila mit dem Angebot „Joga für Frauen“ auf. „Ganz schön vielseitig unser RTB“, dachte ich mir bei diesen Möglichkeiten und grübelte über die Bemerkung von Mila „Yoga ist eigentlich alles … du kannst machen was du willst“ lange nach. Irgendwie ist das ganze Leben wahrscheinlich „Yoga“, oder so ähnlich, so kam es mir in den Sinn … kein Ahnung, das muss Mila noch mal erklären.

Jetzt aber zurück zur oberbergischen Abenteuerlandschaft.

Einige Wochen zuvor erzählte mir Udo, dass ich 2016, am Ende unserer Wanderung in der Pfalz bedauert hatte, den Baumwipfelpfad in Fischbach nicht erklommen zu haben. Ich war einfach zu müde. „Dem kann man abhelfen“, sagte sich unser Wanderhäuptling und nahm mein Bedauern zum Anlass, eine Wanderung mit Besuch eines besagten Baumwipfelpfades zu organisieren.

Am Morgen des 20. Mai machten wir uns in süd-östliche Richtung auf zum Stadtrand von Waldbröl, wo der Naturerlebnispark „Panabora“ mit seinem Baumwipfelpfad von uns einzunehmen war.

Das oberbergische Land wartete jetzt im Mai mit einem Rausch von grün auf uns, aber das muss ich für bergische Leser nicht näher erläutern, oder? Ein wenig Regen zwischendurch trug eigentlich nur zur Verbesserung der ohnehin guten Stimmung bei.

Los ging es – immer dem schwarzen Kringel auf gelbem Grund nachgejagt. Das Wanderzeichen sollte den munteren Wandersleuten nicht bedeuten: “ Wanderer, denke auf deinem Weg auch mal an den BVB Dortmund“! Tat es aber – und darüber musste ich innerlich lachen, und das am letzten Tag der Bundesligasaison 2017. Hatte wahrscheinlich doch etwas damit zu tun.

Am frühen Nachmittag erreichten wir nach einer Wanderung durch sattes Grün den Naturerlebnispark Panabora. Schon von weitem ist der 40m hohe Aussichtsturm mit seinem spiralförmigen Aufgang zu sehen. Von diesem Turm aus erstreckt sich ein hölzerner Pfad durch die Baumwipfel von Waldbröl. Diesmal ist keiner zu müde für Turm oder Wipfelpfad. Auf dem Turm liege ich mit der Himmelsrichtung von Remscheid wieder falsch und werde durch einen offiziellen Richtungsweiser korrigiert.

Nach Erkundung der Waldbröler Baumwipfel und anschließendem Kaffeetrinken im Restaurant des Deutschen-Jugendherbergwerkes schaukelt uns ein vorab gecharterter Bus zurück nach Nümbrecht.

Beim abendlichen 4-Gängemenu geht es gemütlich und gleichermaßen fröhlich zu. Das Personal bringen wir an diesem Abend nicht ins schwitzen.

Die Teilnehmerzahl des sonntäglichen Vorfrühstücksrun fällt etwas geringer aus als am Vortag. Ingo und Klaus lassen es sich dennoch nicht nehmen, den Aussichtsturm noch einmal hochzusprinten. Udo und ich schauen von unten zu – AK 60 schaut zu, wo junge Männer hochlaufen. Recht so.

Nach dem Frühstück gilt es, eine logistisch sehr schwierige Aufgabe zu meistern; für mich auf jeden Fall sehr schwierig. Die Gruppe muss (leider!) aufgeteilt werden. Eine Gruppe wandert nach Wiehl, die andere fährt mit der oberbergischen Postkutsche zur Postkutschenstation. Dort wird getauscht. Die Wanderer fahren gemächlich nach Nümbrecht und die Gefahrenen – der geneigte und heimatverbundene Leser errät es schon – wandern ins beschauliche Nümbrecht zurück. Irgendwie ordne ich mich immer in die falsche Gruppe ein: „O.K., dann wandern Karin und ich mit Udo hin“. Nein, wird mir geantwortet. O.K. sage ich, dann fahren wir mit Heike hin,. Nee, sagt man mir, die wandert doch hin. Die Verstrickung nahm ihren Lauf so dass ich beschließe, hin- und zurück zu wandern („ … ich verstehe nix mehr, ich gehe hin- und zurück. Ihr wisst wohl nicht, was ihr wollt, ihr beiden“). Am Schluss löste sich alles mathematisch auf: unsere 9-köpfige Gruppe findet Platz in der oberbergischen Postkutsche, ein Nachbau der kaiserlichen Postkutsche von 1871. Piet stellte unterwegs fest, dass die Kutsche mit Scheibenbremsen ausgerüstet ist. Das beruhigt mich am Berg sehr und ich stellte mir angenehm gruselnd vor, wie sicherlich im 19. Jahrhundert manche Kutsche bergab den „Abflug“ gemacht hat.

Doch bevor es zur „Entdeckung der Langsamkeit“ kommt, musste unter Heikes Führung - Wanderkarte immer in der Hand – marschiert werden.

Hinter Nümbrecht passieren wir bei traumhaften Wetter Schloss Homburg, dieser „alte gelbe Kasten“ auf dem Hügel, oder wie es die eigenen Website beschreibt:“ Majestätisch thront es über dem Homburger Ländchen mit seiner Mischung aus Wald, Wiesen und offener Landschaft: Schloss Homburg“. Genau. Hans Peter weiß hierzu etwas über die Fürstenfamilie Sayn-Wittgenstein zu berichten, für die sein Bruder einmal als Förster gearbeitet hat.

Auf Wanderungen mit dem RTB erfährt man eine Menge unbekannter Dinge über seine Sportkollegen. Diese Erfahrung mache ich jedes Mal.

Ein Hohlweg bringt uns nach unten, wir passieren eine Landstraße und bestaunen die Holsteiner Mühle, tatsächlich einen ehemalige wasserbetriebenen Mehl- und Sägemühle der Sayn-Wittgensteins, denkmalgeschützt, die gerade zu einem ansehnlichen Restaurationsbetrieb aufwendig umgestaltet wird. Ein riesiges Projekt, wie wir feststellen können.

Wald und Flur mit gemächlichen Auf- und Abstiegen reihen sich abwechslungsreich aneinander, so dass wir mittags an der Postkutschenstation in Wiehl ankommen; 4 Minuten über der Zeit, wie Udo genau bemerkte. “Mist, doch keine neue Bestzeit“ wollte ich noch ironisch anmerken, vergesse es dann aber. Was solls?

Punkt 12 Uhr besteigen wir die gelbe Postkutsche. Zwei Kaltblüter bringen das schwere Gefährt langsam in Bewegung (und dieses gelbe Ungetüm sieht wirklich mordsschwer aus, auch ohne uns darin) - und langsam bleibt es auch. Frei nach dem Motto „Tempo bringt uns nicht voran“ zockeln wir besinnlich nach Nümbrecht. Manchmal stauen sich Autos und Motorräder hinter uns, um die Kutsche bei erstbester Gelegenheit lautstark zu überholen. Imponiert den gutmütigen Arbeitspferden überhaupt nicht. Die laufen völlig unbeeindruckt geradeaus und das Tempo unseres Gefährts bleibt gleich. Am Berg verringert es sich unmerklich und die Postiljonin als auch ihre 2 Rosse demonstrieren eine stoische Gelassenheit gegenüber der Hektik unseres Alltags. Die schauklige Gleichförmigkeit überträgt sich allmählich auch auf uns. Wir werden ruhiger, manchmal etwas schläfrig, lachen zwischendurch und lauschen verwundert Hans-Peter, der Gedichte von Ludwig Uhland oder von Joseph von Eichendorff rezitiert. Kompliment!

So stelle ich mir „Entschleunigung“ vor, und so ist es auch – oder anders ausgedrückt: “Kutschfahren ist Yoga“!

Im sonnigen Nümbrecht finden wir uns alle wieder und beenden unsere Wanderung. Wer mochte, konnte im Kurpark verweilen, in einem Café sitzen, die Salzgrotte oder einen kleinen Kunstaustellung besichtigen, bevor im Nümbrechter Pfannkuchenhaus der Ausklang unserer kleinen Reise stattfand.

Schön war es mit euch!

Anhang:

www.bergisches-wanderland.de (zum Thema „Bergischer Panoramasteig)

www.schloss-homburg.de

www.panaroba.de

www.derichsweilerhof.de

„Die Entdeckung der Langsamkeit“, Roman von Sten Nadolny, der nicht Nümbrecht spielt sondern eher im Seefahrermilieu.

„Tempo bringt uns nicht voran“

www.zeit.de/2012/14/WOS-Interview-Erwin-Heller