34km und 1.200HM

Immer wieder gerne

27.05.2012

Rheinsteigextrem 2012

Das Siebengebirge ... ist vulkanischen Ursprungs und vor etwa 25,5 Millionen Jahren im Oligozän entstanden ...(toll)...und so weiter ... und so weiter. So steht es bei Wikipedia. Oligozän oder nicht, das war mir am Pfingstsonntag 2012 völlig egal. Ich stand vor der mächtigen Aufgabe, 34 Km durch das Siebengebirge in ansprechender Zeit zu Laufen. Das mit dem Oligozän hätte mir aber irgendwie zu Denken geben können. Dazu aber später.

Ingo Wiesemann, Peter Gerber, Udo Stollwerk, Ingo Siebert und ich hatten sich für den sog. Rheinsteigextremlauf 2012 gemeldet. Das ist ein 34 Km langer Lauf über den Anfang des Rheinsteiges, einem rechtsrheinischen Höhenwanderweg von Bonn nach Wiesbaden. Die Strecke von Bonn zur Insel Grafenwerth bei Bad Honnef, die Länge des Laufes, wird in Wandermagazinen mit 3 Tagesetappen beschrieben. Das wird doch noch in weniger als 4 Stunden zu schaffen sein, oder? So denken Läufer.

Pünktlich um 8 Uhr morgens ging es bei angenehm sommerlichen Temperaturen in Bonn auf dem T-Mobile-Campus los. Es folgten einige Meter durch die Ortschaft und dann hoch auf den Rheinsteig. Schon auf der schmalen Holztreppe zum Steig hinauf begannen die ersten Positionskämpfe. Unglaublich. Irgendwelche „Junghirsche“ mussten es uns älteren Herren ja direkt mal zeigen. Folglich wurde ich bei meinem ruhigen Treppensteigen unwirsch zur Seite gedrängt. Na bravo, das fängt ja gut an. Werde ich hier bis ins Ziel nach hinten durchgereicht, fragte ich mich? Nein, wurde ich nicht. Unterwegs relativierte sich alles. Mit meiner langen Erfahrung, die sich bei Wettkämpfen aber immer in Luft auflöst, hätte ich es von vorne herein besser wissen müssen.

Langsam, sehr, sehr langsam und mit (Mords-)Respekt vor den 1.200 Höhenmetern ließ ich es angehen. Seit drei Jahren bin ich nie weiter als Halbmarathon mehr gelaufen. Also Vorsicht. Steigungen wie Petersberg, Löwenburg oder Drachenfels sind mir von diversen Wanderungen gut bekannt. Hinzu kamen unzählige kleine An- und Abstiege, die eigentlich „giftigen“ Passagen dieses Wettkampfes, weil man auf die bekannten Berge gut eingestellt ist und die „kleinen Dinger“ oft vergisst. So liefen auch meine Mitfahrer Udo, Ingo W. Ingo S. und Peter nach dem Startschuss so weit vor mir her, dass ich sie lange nicht wieder sah.

Zunächst passierten wir wohl das nördlichste Weinbaugebiet Deutschlands, irgendwo bei Nieder- und Oberdollendorf (der Name passt zu euch, würde meine Frau jetzt sagen, ihr müsst doch echt doll im Kopf sein). Temperatur, Stimmung und Kondition waren noch bestens, der Lauf begann mit Spaß und nach ca. 10-12 Km wartet der bekannte Petersberg auf mich. Kurz vor dem Gipfel stellte ich wie alle anderen Läufer auf „Gehen“ um. Oben wartete ein Verpflegungsstand vor einem Seniorenheim auf uns. Freundliche Helfer allenthalben.

Das Mitschleppen von Trinkflaschengürteln, Trinkrucksäcken wie bei Überlebensübungen oder speziellen Handflaschen ist hier völlig unnötig, wird aber praktiziert. Die Streckenverpflegung ist gut und immer genau richtig platziert. Dennoch ist es interessant zu beobachten, was die Sportindustrie mittlerweile so alles für uns Läufer produziert. Was war das früher alles schlicht, als ich vor über 30 Jahren zu Laufen anfing. Wir hatten kein Equipment und kamen dennoch ins Ziel. Wie haben wir das damals nur gemacht? So schweiften meine Gedanke weit ab und ich weiß, was das bedeutet: Ich werde müde. Jetzt aber volle Konzentration hier, riss ich mich selber aus meinen Gedanken, sonst stolperst du noch über einen dieser Trachyt- oder Basaltsteine aus dem Oligozän; dann ist Schluss mit lustig. Kaum hatte ich darüber nachgedacht, stürzt ein Laufkollege bergab und landet ungebremst auf dem felsigen Boden. Schnell halfen wir ihm auf und versorgten ihn mit klugen Sprüchen wie „lauf weiter bevor der Schmerz kommt“, dann ließen wir ihn allein. Der nächste Verpflegungspunkt war allerdings nicht weit.

Weiter ging`s. Der Geisberg und der Drachenfels wollten laufend bezwungen werden. Wer allerdings gedacht hat, im Siebengebirge gibt es nur sieben Berge, der irrt. Es sind mehr. Was weiß ich wie viel Berge das sind.

Langsam wurden meine Beine zu schwer. Bergauf war es mühsam und bergab musste man oft bremsen und gleichzeitig die Füße gut hochheben. Sturzgefahr.

Unterwegs ergab sich eine höchst surreale Situation: Mitten im Busch, auf einer Art Single-Trial stand eine Dame mittleren Alters und beschimpft die vorbei ziehenden Läufer lautstark. Die Läufer blieben höflich und es war nicht zu verstehen, was den Ärger der Zuschauerin hervorgerufen hat; wahrscheinlich nichts. Sie gab wohl einfach nur ihren seelischen Nöten Ausdruck. Man lief vorbei, schaute sich gegenseitig an und musste unwillkürlich lachen. Eine kleine, wenn auch tragikomische Aufheiterung bei all der Anstrengung.

Der Aufstieg zum Drachenfels verlief zunächst parallel zur Drachenfelsbahn und gestaltete sich auch auf dem Rest einfacher, als ich befürchtet hatte. Ganz oben kamen uns Läufer entgegen und bedienten sich am Kuchenbüffet, Blick über die wunderbare Landschaft inklusive. Hoffentlich lassen die Kollegen was übrig. Ich stand plötzlich vor einer Mauer, rechts eine Treppe, die Läufer hinter mir blieben auch stehen und „schnauzte“ den Streckenposten an, wo es weiter gehe. Entschuldigung. „Na, wenden“, sagte der und zeigte auf den Boden, wo ein Wendepunkt markiert war. Hatte ich glatt übersehen, wende ich doch immer nur da, wo diese rot-weißen Hütchen stehen. Egal. Ich wendete und ging entspannt zum Kuchen; lecker, perfekt. Zeit zum Bedanken blieb mir kaum, wollte ich doch den Anschluss an Udo Stollwerk nicht verlieren, den ich so eben entdeckt hatte. Danke von hier aus an die Bäckerinnen vom Drachenfels!

Bergab kam ich an den Wermelskirchener langsam heran, bergauf ging er schneller als ich. An irgendeiner Stelle schloss ich zu ihm auf, lief ein wenig neben ihm her, dann wurde ich bergan wieder abgehängt. Udo ging die Berge rauf, als stamme er aus Südtirol. Wie macht der das? Muss man jetzt als Läufer auch noch „Gehen“ trainieren.

Irgendwann trabten wir dann gemeinsam zum Verpflegungspunkt an der Löwenburg. Mir tat alles weh. Udo bestellte Cola mit Wodka, sein Gesicht blieb bierernst. Die nette Frau hinter dem Stand erklärte uns, dass wir bei solcher enormen Anstrengung doch keinen Alkohol trinken können. Wodka hätte sie ohnehin nicht. Doch, das ist sehr gut, erläuterte Udo, da spürt man den Schmerz nicht so und überließ es der netten Helferin selber, ob das Ernst oder Spaß war.

Auf der langen abschüssigen Strecke hinter der Löwenburg verabschiedeten wir uns. Bergab „wuchsen mir Flügel“ und plötzlich überholte ich etliche Leute. Endlich. Das Ziel kam langsam näher.

Der letzte „Hammerberg“, ich nenne ihn mal so, hat auf der Rheinsteigkarte noch nicht einmal einen Namen. Diesen Namenlosen erklomm ich mit einem Mitläufer aus Köln. Die berüchtigte, ach so schlammige Stelle umliefen wir elegant und blieben sauber. Immer wieder trafen der Kölner mit dem Trikot der Stadtsparkasse und ich während des Wettkampfes aufeinander, so dass wir mittlerweile ins Plaudern kamen.

Das lenkte von der schmerzhaften Anstrengung ab. Wir redeten über die neuen Streckenführung des Köln-Marathons, über dies und das und dass Köln einer des schönsten Städte der Welt ist (!), da waren wir uns einig ... und plötzlich waren wir oben. „Hat gar nicht weh getan“, hätte ich am liebsten gerufen.

Es blieb wellig und dann ging es so bei Km 29 abrupt rechts und steil bergab.

Der 4Km lange Zieleinlauf dehnte sich förmlich durch das Städtchen Bad Honnef. Mensch, so groß kann Bad Honnef doch gar nicht sein. Jetzt quälte ich mich gegen jede Vernunft durch und, das gebe ich gerne zu, es tat säuisch weh (sagt man das so?). „Ist nicht mehr weit“, riefen mir ständig freundliche, aber des Laufens unkundige Honnefer zu. Wie weit ist eigentlich „Ist-nicht-mehr-weit“. Gibt es da entsprechende Parameter, so zwischen 500Meter und 2 Kilometer ...oder was. Meine Güte, ist das noch weit, dachte ich stattdessen, hoffentlich verkrampft die überlastete Muskulatur jetzt nicht ... und dann fiel es mir wieder ein: „Oligozän“. Im Oligozän entstanden die Rocky Mountains und das Siebengebirge, habe ich mal gehört. Aber, was viel interessanter ist, Oligozän kommt aus dem Griechischen und heißt (zusammengesetzt) wenig und ungewöhnlich.

Genau. Das ist es. So ist der Rheinsteig: ein wenig ungewöhnlich. Passt doch.

Im Ziel

Im Ziel liegt alles auf gepflegtem Rasen in der Sonne, trinkt kühles alkoholfreies Bier oder badet nebenan im Freibad. Statt Medaillen gibt es Kürbiskernbrot für jeden Finisher. Als ich zu Hause das Brot auspacke ruft meine Frau amüsiert: „Man merkt, dass die Läufer älter werden. Heute bekommt ihr schon Kürbiskernbrot als Auszeichnung.“ Recht hat sie (man lese nur mal über die medizinische Wirkung von Kürbiskernen).

Ingo Siebert hat schon sein Schwimmtraining absolviert, während Udo, Ingo W. und ich noch zum Duschen gehen. Peter ist bereits fertig und fiebert der Siegerehrung entgegen. Er ist Erster in der AK 55 geworden.

Die AK 50 ist gerade geehrt, da platzt Udo knochentrocken mit dem Spruch heraus:“ So das reicht, jetzt können wir eigentlich gehen“. Ich, ironisch, wie ich nun mal bin, pflichte ihm lauthals bei und wir schauern uns das verdutzte Gesicht von Peter an. Piet hatte dann aber noch unter lautem Remscheider Beifall seine verdiente Ehrung.

Auf dem Weg zur S-Bahn fragt mich dann Udo, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm am 50. Berlin-Marathon teilzunehmen. Klar, sage ich, vermutend, der wäre nächstes Jahr oder übernächstes. Wann ist der denn genau? Wenn ich 70 Jahre alt werde, in elf Jahren. Alles lacht. Hat der mich schon wieder hochgenommen? Aber Udo meint das scheinbar ernst. Ich lehne ab. Bis dahin kann ich doch tot sein, so meine Erklärung. Basta.

Aber, lieber Udo, liebe Leser, aufgepasst: hiermit sage ich zu. In elf Jahren fahre ich mit Udo Stollwerk zu Berlin-Marathon. Versprochen. Hoffentlich sind wir beide dann noch so fit, dass wir von alleine den Weg in das Ziel finden, Udo. Mach schon mal eine Unterkunft klar!

Gerd Dürr