Ingo Siebert sammelt Höhenmeter in den Schweizer Bergen.

Eindrücke, die haften bleiben!

06.09.2008

Nachdem ich mich im Februar spontan hatte registrieren lassen, war mir das Losglück im März hold und ich erhielt einen Startplatz beim einem der schönsten Marathonläufe überhaupt, dem „JUNGFRAU - MARATHON“

Donnerstag 04.09.08
Dann war es soweit. Nachdem mich Mila zum Flughafen gefahren hatte, flog ich mit guten Wünschen im Gepäck von Köln/Bonn nach Zürich, um von dort mit dem Zug nach Interlaken weiter zu reisen.

An dieser Stelle sei jedem künftigen Starter diese Reisevariante ans Herz gelegt, denn bequemer kann man nicht reisen (Billigflug und 50% Ermäßigung in der Schweiz als Marathonteilnehmer machen die Reise zu einem echten Preiswunder).

In Interlaken bei leichtem Regen angekommen wurde erst einmal eingecheckt und dann der Ort erkundet. Schon jetzt ist die Stimmung wahrnehmbar, denn überhall hängen Plakate und Banner mit „Welcome Runners“ und Banner der Sieger seit Beginn des Marathons. Nach einem ausgiebigen Stadtbummel geht´s zurück ins Hotel zum Beine hochlegen und ausspannen.

Freitag 05.09.08
Am Morgen der zunächst bange Blick zum Himmel, doch … oh Wunder ... der vorhergesagte Dauerregen ist in Dauersonne umgeschlagen. Nach einem kurzen morgendlichen Lauf von 45min (nur in New York 2006 habe ich Morgens mehr Läufer gesehen) geht es zu einem gemütlichen Frühstück ins Festzelt, um dort auch die Startnummer abzuholen.

Nachdem auch dies geschafft ist, wird auf der Marathonmesse ein wenig geshoppt um dann den Rest des Tages einfach nur „abzuhängen“.

Um 15.00h starten die „Miniruns“, in wahrer Hingucker, wenn man bedenkt dass die Knirpse im zarten Alter von 4-6 Jahren die 200m Strecke teilweise unter 60sec. laufen !!!!!

Da, wie bekannt, die Läuferfamilie eine recht kleine ist, treffe ich vor Ort natürlich auch bekannte Gesichter, in diesem Falle Jörg Bunert. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen, um gemeinsam zu starten und vielleicht auch zu laufen.

Auf der abendlichen Pasta Party werden die TOP-Läufer vorgestellt. Bei diesem Lauf nehmen weitaus mehr Profis und Halbprofis teil als bei anderen Läufen, zumal der Mountain Cup (Lichtenstein, Zermatt, Jungfrau) hier gefinished wird (eine neue Herausforderung ???). In dem ein oder anderen Gespräch mit Bergläufern weist man mich dezent darauf hin dass mein Ziel von 3:54:xx sehr mutig für einen Debütanten ist. Man empfiehlt mir mehrfach, mich auf dem ersten 25km nicht auszupowern, denn das Rennen beginnt erst ab km26. Als der Sprecher den Wetterbericht für Samstag verliest, geht ein Aufatmen durchs Zelt. Wir dürfen also doch auf trockenes Wetter hoffen.

Samstag 06.09.08
Es ist soweit. Raus aus den Federn und gen Himmel geschaut: „Schönes Wetter“!

Nach dem Frühstück und den üblichen Vorbereitungen geht’s in Richtung Start. Es ist sonnig und ca. 16°C warm…..wir können also das kleine Blaue anbehalten. Mutig schmeiße ich meinen Kleidersack auf den Wagen für die Läufer für unter 4:30h Endzeit, erledige die „Formalitäten“ auf dem Dixi und beginne mich warm zu laufen. Im Startblock angekommen treffe ich wie verabredet Jörg Bunert. Er, der diesen Lauf schon 3x absolviert hat, gibt mir noch einige gute Ratschläge die ich, wie ich später noch feststellen werde, richtiger Weise beherzigen sollte.

Pünktlich um 09.00h geht’s los. Schon nach 5km spüre einen Schmerz im linken Oberschenkel, aber zunächst ignorieren wir uns gegenseitig. Meine Marschroute ist zunächst klar vorgegeben (ich habe mit die Zwischenzeiten auf der Messe ausdrucken lassen, weil die Extremsteigungen dabei berücksichtigt werden).

10km: 0:43:00h, HM: 1:31:00h, Ziel: 3:54:00h

Bis km10 läuft es mit 42min locker nach Plan, jedoch werden die Probleme mit dem Bein größer; wir ignorieren uns weiterhin. Wir durchqueren einige kleinere Ortsteile und erleben eine SUPERSTIMMUNG. Die riesigen Kuhglocken machen einen ohrenbetäubenden Lärm und du bist einfach nur stolz dabei zu sein. Bei km15 laufen wir in ein wunderschönes, parallel zum Gletscherbach verlaufendes, Tal hinein und es wird richtig kalt…..und still. Ich zücke meine Kamera um ein paar Fotos zu schießen, jedoch streikt diese auf Grund des angesetzten Kondensats (Sch……). Leider war die Kamera nun bis zum Ziel „out of order“ was mich persönlich natürlich sehr geärgert hat. Bei km20 laufen wir in Lauterbrunn rd. 784 m.ü.NN ein. Der Geräuschpegel ist unglaublich, die Leute brüllen uns regelrecht durch den Ort.

Die HM-Marke passiere ich in entspannten 1:35, wobei ich mir zwischenzeitlich vorgenommen habe den Lauf zu genießen und nur dann den Angriff auf die <4:00h zu wagen, wenn die Berge nicht zu hart werden. Nach weiteren 5km erhalte ich bereits die entsprechende Antwort. Bei km 25,5 werden wir von einer jolenden, klatschenden und kuhglockenläutenden Menge aus dem Ort verabschiedet.

Mir fällt das Lied „Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus ...“ ein.

Der Grund ist schnell gefunden: Ich schaue vor mir auf eine riesige Wand und stelle fest: Ingo da musst Du auch rauf !!! Die neuen Röntgenweg-Serpentinen an der Solinger Straße sind fast schon eine Flachetappe dagegen.

Nachdem ich für die km 26 bis 28 je zwischen 11 und 8 min benötigt habe geht es noch ca. 2,5km weiter bis Wengen. Auf diesem Stück treffe ich Jörg Bunert, der äußerst unzufrieden wirkt. Ich verabschiede mich, ziehe vorbei und laufe weiter.

500 Höhenmeter auf den letzten 4,5 km liegen hinter uns, als wir bei km 30,3 den Ort Wengen auf 1.284m ü.NN passieren. Ich habe das Gefühl, als wollten mich die Leute auf den Berg brüllen …! Was man hier fühlt, ist ein echtes „Runners High“ und einfach nur mit „geil“ zu beschreiben. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte die Atmosphäre für ein paar Minuten genossen, aber der Berg ruft und auf den letzten 12km sind noch gut 1000 Höhenmeter zu bewältigen. Auch wenn ich noch mit der 4:00h Merke liebäugle, merke ich das sich mein linker Oberschenkel schon verhärtet und beschließe bei km 35, es nun endgültig ruhig angehen zu lassen: eine gute Entscheidung, wie ich noch merken sollte. Wir laufen weiter durch wunderschöne Wälder, an Bergwiesen vorbei und immer die schmucke Jungfrau vor Augen (noch scheint die Sonne).

Bei km38 dann der Knaller. Ab in die Wand und ab km39 geht´s auf die Gletschermoräne. Laufen ist nur noch sporadisch möglich und es geht in mehr oder weniger zügigem Schritt nach oben (zwischen 13 und 15min/km). Ab km39 wird es so steil, dass ich mit den Händen, auf die Oberschenkel drückend, nachhelfen muss. Bei km39,5 steht eine schmucke Bergziege, aber die will mich auch nicht ziehen ...

Der Anstieg von km39,5 nach km40,5 lässt die Fürberger Straße im Licht eines flachen City-Marathons erscheinen. Bei km40,5 auf 2.200m ü.NN steht er dann: DER DUDELSACKSPIELER!

Ich klopfe ihm auf die Schulter und sage anerkennend „Thank you, very good“ - mehr bringe ich nicht raus. Ich versuche einen Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau zu erhaschen, doch der Nebel lässt dies nicht zu. Schade! Auf den letzen 1,7km geht es nur noch bergab (100 Höhenmeter), das totale Grauen für mein linkes Bein; ich laufe nur noch gerade so schnell, das ich keine Krämpfe bekomme.

Ich passiere km42 und sehe das Ziel vor Augen. Schnell in die Tasche gegriffen und mit wehender Deutschlandfahne durch das Ziel gesaust … Eigentlich bin ich traurig dass es schon vorbei ist.

Die Zielzeit mit 4:17:20h ist sekundär, denn mein 1.Berglauf war ein grandioses Erlebnis.

Um 14.03h verlasse ich den Ort des Geschehens, um gegen 20.20h mein Flugzeug in Zürich noch zu erreichen. Glücklich, unverletzt und zufrieden holt mich Mila um 22.30h (der Flug hatte 1 Stunde Verspätung) in Köln ab. Nach dem Verteilen der Geschenke wird erst einmal ein Fläschchen auf den frischgebackenen Berglaufdebütanten geköpft!

An dieser Stelle vielen Dank an Udo Stollwerk und Hans Peter Volkmer, die mit guten Tipps und Informationen dafür gesorgt haben, dass ich die nötige Erfurcht vor dieser Strecke hatte und habe.

Danke auch an meine Chefin, ohne die ich das alles gar nicht hätte erleben können!

Ingo Siebert, RTB-Marathonteam

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