Bonn Marathon

Wettkampfgedanken von Christian Thiel

22.04.2007

(Original unter http://www.drsl.de/?bericht=1871)

Da sind wir nun um sieben Uhr auf dem Parkplatz unter der Autobahn angekommen; das ist das Feine in Bonn, man parkt schön gemütlich und hat nach dem Bustransfer nur noch einen kleinen Fußweg ins Start-Zielareal. Nun ja, irgendwie ist mir wie immer morgens einfach nur kalt. Aber ich will nicht klagen – wenig Gewicht schleppen heißt eben auch schlecht isoliert zu sein. Wenn man frierend die Befürchtung hat, es könne einem in ein paar Stunden unerträglich heiß sein, dann darf man sich doch Gedanken machen, ob Marathonläufer einen an der Waffel haben, oder?

2007 ist inzwischen nicht nur mein dritter Start in Bonn, es ist auch mein 10. Stadtmarathon (plus so'n bisschen längeres Gedöns). So langsam haben ich eine eingespielte Vorwettkampfroutine. Neben Zittern und scheinbar unmotiviertem Unruheverbreiten weiß ich genau, mit wie viel Flüssigkeit ich mich idealerweise vor einem Wettkampf aufzuladen habe. Also 75 Minuten vor Startschuß noch mal einen guten Liter Wasser verdrückt, dann bis 15 Minuten vor Start abstinent um abschließend noch mal etwa 0,3 Liter Wasser-Energydrink-Gemisch nachzulegen. Alles Paletti – bloß: warum gibt es in der Nähe des Startes keinen einzigen Busch oder Strauch? Knapp 10 Minuten vor Startschuß war ich noch mal zu Besuch bei Dixie's, aber kurz vorm Start haut das zeitlich nun mal nicht noch mal hin. Ich häng' also in der Startbox irgenwo kurz hinter dem freigehaltenen Areal, wo die Spitzenläufer gleich (sind wahrscheinlich gerade pieseln) eintreffen werden und hab ne halbvolle Blase. Um es vorweg zu nehmen: die nächsten 25 Kilomter hat die mich wahnsinnig gemacht. Bei dem Streß hatte ich echt Schwierigkeiten die Anfangsphase des Rennens zu genießen. Aber ansonsten war meine Flüssigkeitszufuhr so perfekt, daß ich keine Pause einlegen musste, aber auch nicht dehydrierte. Ich glaub das nächste Mal trudle ich auch erst auf den allerletzten Drücker ein und quetsche mich von ganz vorne in das Starterfeld.

Zum Start des Rennens stehe ich etwa in der 5. Reihe. Inzwischen hab ich mich damit abgefunden, daß sehr viele Athleten den ersten Kilometer viel zu zügig angehen. Da will, so glaube ich, kein einzelner besonders schnell laufen, aber alle wundern sich, daß sie unter ihrer Zeitvorgabe bleiben. - Im Sog der Masse, die sie ja selbst mit bilden, sozusagen.

Ich halte mich sehr zurück und auf der Brücke über den Rhein lasse ich es ganz locker angehen. Ich habe mir ja schon im Februar beim Marathon in Bertlich vorgenommen, beim Bonn Marathon auf 3:54er Tempo anzugehen (und in Bertlich gings ordentlich schief, mit 3:54 die ersten 15km angegangen zu sein). Somit ist der erste Kilometer in 4:00 wirklich erste Sahne. Das ganze Feld ist noch ziemlich unsortiert; Läufer überholen mich, ich überhole sie, weiter also und Tempo finden in der Hoffnung einer Gruppe für 2 Stunden 45 Minuten. Mein Pulsmesser ist mir nicht die erhoffte Stütze, er spinnt in Überforderung durch unzählige Signale einfach. Peng: 175er Puls sagt er mir. Viel zu hoch! Nur, ich fühle mich nicht wie 175er Puls. Kurz überlege ich noch, ob die Starteuphorie meine Sinne soweit täuschen kann, stelle den Gedanke aber zurück und beschließe am heutigen Tag nicht weiter auf den Puls zu achten. Der zweite Kilometer geht in 3:50 rum, danach pendelt sich das Tempo auf 3:54 ein. Ich laufe in einer Gruppe auf vielleicht einem guten halben Dutzend Läufern, 50 Meter vor uns ist eine weitere Gruppe. Wirklich erstaunt bin ich, daß jeder meiner Gruppe so vernünftig ist, die Lücke nach vorne nicht schließen zu wollen.

Nach 5 Kilometern kommen wir am Magenta-Headquater vorbei: Landgrabenweg hin, dann Wendepunkt und wieder zurück. Wenn man als Marathon schon so einen Sponsor hat, dann muß man sich ihm auch präsentieren. Ich find's jedenfalls prima, so bekommt man auch mal die Spitze zu sehen, wie auch das gesamte Starterfeld. Ein fröhliches Winken und Hallo-Rufen. Ich bin ziemlich beeindruckt, wie viel die kleinen schwarzen Hüpfer mir schon abgenommen haben.

Ich kann es schon mal vorwegnehmen: Der Marathon war für mich ein Riesen Erfolg. Es lief fast alles perfekt. Fast alles: Von meiner nicht leeren Blase mal abgesehen, hatte ich ein echtes Problem: Da lässt man sich am Vortag nicht seine Startunterlagen mitbringen, weil man unbedingt seine Eigenverpflegung abgeben möchte. Man macht sich eine furchbare Mühe, die Flaschen penibel genau mit dem richtigen Mischungsverhältnis von süßem und Wasser und Salz zu füllen, man bastelt an den Flaschen (immerhin neun Stück) soweit rum, daß sie einen vor geschmackloser Auffälligkeit fast anschreien. Ja, dann kommt man nach 5 Kilometern am ersten Verpflegungsstand vorbei und was ist? Nix ist! Der Tisch ist niedrig, man schaut im Vorbeilaufen von oben auf ein Meer von bunten Flaschen, dicht an dicht stehend und geschweige denn, daß man sie sehen aber nicht greifen kann, findet man sie einfach gar nicht. Na spitze, dachte ich und griff mir einfach den erstbesten Plasitbecher mit Wasser. Ich hatte vorgesorgt und mein Plan B bestand aus 2 Powergels die ich mir mit Sicherheitnadeln links und rechts in Leistengegend in die Hose gepiekst hatte (Fit im Schritt dank Power und Koffein ;-) ). Und ich kann verkünden: Gut so. Ich habe an diesem Tag von meinen 9 Flaschen gerade mal Eine gefunden! So gab’s ein Gel bei km14, Eins bei 29. Dazu noch ein großer Schluck Energydring-Wasser nach 35 Kilometern (genau: meine Pulle). Der Rest meiner Wettkampfverpflegung bestand aus Wasser, portioniert zwei Schlückchen aus einem pro Wasserstelle.

Zurück zum Rennen: Kurz vor absolvierten 10 Kilometern überquerten wir zum zweiten und letzten Mal den Rhein und liefen nun ein ganzes Stück direkt am Wasser entlang. Wie immer gab’s hier Gegenwind. Dieser war aber im Vergleich zu den Vorjahren recht erträglich. Schön wenn man hier in einer Gruppe läuft. Das Tempo brach verständlicherweise ein, aber nur von 3:54 auf 4:00. Nachdem wir 5 und 10 Kilometer genau im Schnitt für sub 2:45 hinter uns brachten, ließ auch km 15 eine Punktlandung immer wahrscheinlicher werden.

Vor dem Halbmarathon drohte das Tempo etwas einzusacken. Ich hatte mir vorgenommen, dieses Rennen mal ausnahmsweise nicht durch meine Ungeduld kaputt zu machen. Aber nun gab ich meinen Vorsatz auf, möglichst nur kurz eine Gruppenführung zu übernehmen zog für zwei, vielleicht drei Kilomter. Dies war auch bitter nötig, ein Mitstreiter, der sich fremdverpflegen ließ, hatte sich automatisch etwas abgesetzt. Kaum waren wir wieder dran (ich habe ihn scherzhaft gefragt, ob er den ganzen Zuschauerjubel für sich alleine haben wolle), war der südlichste Punkt der Strecke erreicht und es ging in einem Bogen wieder nach Norden. Auf einem kleinen Anstieg (jaja, Bonn ist flach, es ging kaum merklich bergan!) konnte ich wieder mal spüren, daß ich mit über 75 Kilogramm schwerer bin, als die meisten Mitläufer. Plötzlich liefen wir alle nebeneinander und brauchten einen Augenblick uns neu zu sortieren. Wenn ich mich recht erinnere, bildeten wir ein Sextett. So langsam kam auch ein gewisses Gruppengefühl auf. Kein Wunder, wenn man etwa 25 Kilomter lang eine Insel im Meer des Asphaltnichts bildet, daß irgendwann seine Chance nutzten wird und einen im Strudel des Hungerastes in den Schmerz reißt. Ich dachte mir jedenfalls, solange ich nicht im Niemandsland laufe und schön in der Gruppe bleibe, wird es schon gut gehen.

Selbst als es nach knapp 30 Kilomtern nochmals ein wenig bergan ging (und ich überaschenderweise nicht sofort ans Ende der Gruppe fiel), fühlte ich mich noch gut. Bei meinen bisherigen Läufen über die Marathondistanz spürte ich doch recht zuverlässig, ob das Tempo nun zu hoch war oder nicht. Und anders als bei meinen bisherigen Läufen hatte ich mal nicht das Gefühl, das ich das Tempo nun wahrlich nicht über 42 Kilometer durchhalten könne. Sonst war der Einbruch immer eine Frage der Zeit und mein Motte "was du hast, das hast du". Aber diesmal kam mir der Spaß irgendwie trügersich vor: Ich hatte ständig das Gefühl, ne ganze Ecke schneller laufen zu können. Auch war mein Puls eher im Bereich unter 160. Normalerweise orientiere ich mich immer so bei 163, was bei mir etwa 85% vom Maximum entspricht. Aber ich wollte einmal nicht gierig sein und erfreute mich an der funktionierenden Gruppe und der Aussicht auf eine (für mich) überragende Zeit. Mit jedem Kilometer kam es mir realistischer vor, mein Ziel zu erreichen. Ich ermahnte mich soweit zur Disziplin, so daß später im Ziel ein ungeheurer Druck von mir abfiel, den ich vor dem Rennen überhaupt nicht so gefühlt hatte.

Ganz langsam fing ich an, in Dimensionen der Trainignsrunden zu denken: Noch ne Hausrunde - noch ne kleine Runde, die selbst im lockeren Tempo nur ne Stunde braucht – noch soundso viele Runden um unsere Remscheider Talsperre (um die braucht man bei langsamen Tempo ne Viertelstunde). Das Rückwärtsdenken und sich-selbst-verarschen machte sich breit - Fortgeschrittene Wettkampfdurchhaltestrategie. :-)

Bei km 35 fühlte ich mich immer noch sehr gut: Unsere Gruppe war auf 4 Läufer zusammengeschrupft, dafür kam ein Begleiter eines Läufers hinzu, der die letzten ungefähr 10km „schwarz“ mitlief. Er ging mir durch sein unrhytmisches und vor allen durch seine Frische begünstigtes mal-links-mal-rechts Laufen tierisch auf die Nerven, machte aber sonst einen sympatischen Eindruck, unterm Strich zwar ein Konzentrationskiller, aber doch ne Abwechslung.

An der Verpflegungsstelle hinter km 35 hatte ich dann meinen großen Auftritt! Ich kam, sah und griff. Genau: Meine eigene Flasche, höchstselbst! Einen kurzen Jubelruf und das Verschlussöffnen später, konnte ich endlich meine eigene Plörre trinken. Da es inzwischen doch recht warm geworden war, dachte ich nur, daß ich dieses süße Zeug wahrscheinlich nicht vertragen hätte und war froh bis dahin nur von Wasser und Powerbar „gelebt“ zu haben (Da gibt’s meinen Wettkampfbericht vom letztjährigen Röntgenlauf. Einschließlich totaler Magenblockade und drittem Halbmarathon in 3:02!).

Die (für Marathon) hohen Temperaturen ließen sich dank zahlreicher durch Häuserschluchten induzierter Schattenpassagen noch aushalten. An den Wasserstellen ein wenig Wasser übers Haupt geschüttet und fertig!

Ja, langsam ging es auf das Ende zu und ich frage mich, ob ein Marathon denn wirklich so einfach sein könne. Ein Einbruch kündigte sich nicht an, meinen Beinen ging es so gut, wie noch nie zu so spätem Zeitpunkt im Marathon. Nur meine Längsgewölbe in den Füßen muckten etwas. Aber wenn man in Schuhen für kurze Wettkämpfe (Puma Belus III) läuft, ist so was mehr als man erwarten kann.

Ich schmiedete langsam Pläne, daß ich bloß nicht locker ins Ziel komme, sondern mir langsam Gedanken um eine Tempoverschärfung machen muß, musterte auch kurz meine Mitstreiter und hatte das Gefühl frischer zu sein als sie.

Aber so ist das halt beim Marathon: Jetzt geht’s dir gut, und einen Augenblick später geht’s dir mies. Nach 37 Kilometern ging es ein Stückchen bergab – Bahnschinen wurden gequert; ein kleiner Rhytmuswechsel. Und PENG, war ich geplatzt. Einfach so. Ab km 38 war der Ofen aus - der Schalter umgelegt - die Messe gelesen. Auch wenn ich das jetzt schon so einige Male erlebt habe, es überrascht mich doch immer wieder, wie plötzlich so etwas abläuft. Ich hatte das Gefühl, wir (und fürn Augenblick wars noch WIR) zögen das Tempo immer weiter an. Dabei blieb das Tempo gleich, ich musste nur immer mehr investieren um es zu halten. So konnte ich mir nach kurzer Zeit drei Leute von hinten anschauen. Und nix Gummiband! Langsam entfernten sie sich immer mehr.

Als es nach 39 Kilometern an dem Ort vorbeiging, an dem der heutige Tag begann (der Parkplatz unter der Autobahn) kamen mir ganz böse Gedanken, die ich zum Glück schnell wieder verdrängte. Dann ein kleiner Schlenker und nach der letzten Verpflegungsstation (die lasse ich aus Überzeugung immer aus) ging es in leichtem Bogen direkt auf den Bereich von Start und Ziel zu. Ich lief das erste Mal des Tages ganz isoliert und musste wirklich alles aus mir rausholen, um den Tempoverfall auf 5 Sekunden/km zu begrenzen. Als ich bei Kilometer 41 ankam, offerierte mir meine Uhr eine exakte 2:40:00. Und ich dachte nur:4:47 bei Vierminutentempo bis ins Ziel – Wenn du noch ein klein wenig mehr einbrichst, schaffst du es nicht mehr unter 2:45. Dann ist die ganze Arbeit umsonst und du mußt irgendwann noch einmal 41 Kilometer abreißen um in eine ähnliche Ausgangsage zu kommen.

Diese Motivation hat gereicht Nach 41 und so etwa drei Viertel Kilometern geht es noch mal scharf Rechts, die Zuschauer bilden ein Spalier. Alles Paletti! Nur ich hatte das Gefühl, ich würde aus den Latschen kippen. Mein einziger Gedanke war, wenn es jetzt nicht sofort gleich fertig wäre, bleibe ich stehen und verweigere jeden weitern Schritt. Also um die Kurve rum – das Getöse wird immer lauten, man kann deutlich das Ziel hören – immer weiter, noch mal maximales Tempo – der Belag ändert sich zum holprigen Pflaster, zumindest ein Signal für den Kopf, daß es gleich zu Ende ist – noch mal um die Kurve rum – das Ziel strahlt mich an und ich quetsche alles aus mir raus, was noch drin ist.

Im Ziel fällt der ganze Schmerz, wie auch die ganze Disziplin, das Tempo zu halten, aber ebenso der Druck unter 2:45 zu laufen von mir ab und ich lasse einen Schrei los, kurz und intensiv!

Das war’s. Und was sagt die Uhr?

2:44:31 mit Hälften von 1:22:12 und 1:22:19. Insgesamt drei Sekunden unter einem Gesamtschnitt von 3:54/km.

Die Fünferabschnitte sind: 19:31-19:30-19:35-19:26-19:18-19:33-19:31-19:34

Und was muß ich beim Durchstöbern der Ergebnisliste sehen: Wäre ich 20 Sekunden schneller gewesen und hätte den Kenianer hinter mir gelassen (der leider mit seinem Weltrekordversuch für Blinde gescheitert ist), wäre ich Altersklasserdritter geworden und hätte einen Freistart fürs nächste Jahr gehabt. Aber der Kerl ist ne ganze Ecke schneller als ich und es ist nur deshalb so knapp geworden, weil er geplatzt ist (ja, das passiert auch einem waschechten Kenianer).

Im Nachhinein hoffe ich doch, daß der Bonn Maraton 2007 nicht DER perfekte Lauf meines Lebens gewesen sein wird, auch wenn er von der Einteilung und vom Ablauf kaum mehr zu toppen ist.

Aber ein paar Minütchen sind bestimmt noch drin. Vielleicht beim nächsten Mal.

Tschüss Bonn und auf Wiedersehen 2008.

gruß,
Christian Thiel

P.S.: Mein Zieleinlauf, aufgenommen durch die offizielle Kamera: Video (den eventuell zum Abspielen benötigten Codec gibt es hier)