72. Bertlicher Straßenläufe - Marathon

Wettkampfgedanken von Christian Thiel

02.09.2007

(Original unter http://www.drsl.de/?bericht=2025)

Ich stehe an der Startlinie, links sind Läufer, rechts sind Läufer, hinter mir noch mehr.
Doch wirklich nehme ich niemanden wahr. Keine Minute mehr bis zum Start des Marathons bei den 72. Lauftagen in Herten Bertlich – nach Dezember 2006 und Februar 2007 mein dritter Start in Folge. Im September zieht es die meisten Marathonwilligen zu den Stadtmarathons mit ihren perfekten Strecken und dichten Starterfelder, den vielen Zuschauern und großem Spektakel, nach Bertlich verschlägt es dieses Mal 49 Läufer und Läuferinnen. Ich bin überzeugt, heute ein ganz einsames Rennen zu machen, nicht mal ein Führungsfahrradfahrer wird mich begleiten. Komischer Gedanke, so ins Nichts zu laufen. Na wenigstens bin ich den Dreirundenkurs schon sechs Mal abgelaufen und dürfte die Strecke auswendig kennen.
Psychologisch ist das eh interessant: Eine Runde Tempo finden, eine Runde Tempo laufen, ein Runde Tempo halten. Und jede Runde ist mit ihren knapp 14 Kilometern so lang wie eine unspektakuläre Trainingsrunde. Ein ganz besonderes Schmankerl bietet Bertlich aber seinen Läufern eigentlich immer: Nein, keine Berge; ist ziemlich platt im Pott. Es ist der Wind, der ungehindert über die freien Landwirtschaftsflächen weht. Heute ist er vergleichsweise (im Dezember mußte ich immer wieder meine Startnummer durch Festhalten vor dem Abreißen schützen) ein laues Lüftlein. Ansonsten ist das Wetter mit 18°C eine Spur zu warm, davon abgesehen optimal.
3-2-1 Der Startschuß.
Nach 20 Metern geht es sofort nach links ab, deshalb mache ich ein paar flotte Schritte, um in kein Gedränge zu kommen. Niemand neben mir, ich hab’s ja geahnt. Die paar Zuschauer am Start sind bald verlassen, ich laufe durch eine kleine Siedlung. Ich bin es vom Training gewohnt, mitten auf der Straße zu laufen und mich mit Autofahrern zu arrangieren, deshalb und weil ich null Aufmerksamkeit errege, kommt es mir ziemlich alltäglich vor. Ist das jetzt ein Wettkampf?
Das erste Kilometerschild naht. Wie meist denke ich mir, du bist zu schnell. Vorgenommen hatte ich mir für heute einen Schnitt von 3:50/km, das würde so etwas bei 2:42 rauskommen, und knapp Bestzeit sein. Durch den Start müßte ich eher 10 Sekunden unter dem Schnitt liegen. Tue ich aber nicht, wie ich irritiert feststelle. Genau 3:50. Das fängt ja gut an. Na wenigstens ist der Puls zu niedrig, daß ich ein wenig forcieren kann. Nee, Pustekuchen, Puls ist genau auf Kurs. Ich bin einfach nur zu langsam. Prima, denke ich, das gibt nix mehr mit der Zeit. Ich halte die Belastung und begebe mich auf die Bewältigung des Viererschnitts. Ist doch richtig was. Wenn ich mir überlege, wie lange ich brauchte, um die 40 Minuten auf 10 Kilometer zu knacken, da sollte ich es als Privileg ansehen, so was Langes wie einen Marathon so anzugehen. Neuer Kurs somit sub 2:48:47, die Zwischenzeiten kinderleicht zu berechnen: alle 5 Kilometer in 20 Minuten, km21 bei 1:24 und 30km unter 2 Stunden. Auf dem Papier ziemlich simpel. Und wenn man schon auf die ganze Distanz 4 Minuten schneller war, für den Geist auch keine Hürde. Wäre da nicht der Körper...
Ich bin also unterwegs, passiere die Kilometerschilder immer schön nach Plan, fühle mich für die frühe Phase aber zu angestrengt. Der Puls ist ok, das reduzierte Tempo darf es auch nicht sein. Trotzdem bekomme ich nicht entspannt genug Luft (ob da wieder irgendwas rumfliegt in der Luft?), die Beine tun mir auch weh. Trotz setzt bei mir ein und ich sage mir: Du versuchst das jetzt, wenn es nicht klappt, hast du halt Pech gehabt. Ich blicke mich während des gesamten Rennens nicht einmal um, ich schaue nach vorn, direkt vom Start weg sind es keine drei Stunden mehr zu laufen, das sollte machbar sein. Durch zwei Landschaftsmarathons in den vergangenen Monaten schon angetestet, soll es heute der Beweis unter Referenzbedingungen für mein Marathon-Ernährungskonzept sein. Ich laufe mit einem kleinen Fläschchen in der Hand, gefüllt mit einem gezuckerten Teekonzentrat, meinem selbstgemischten Energiegel. Nachgespült an jeder Verpflegungsstelle mit Wasser, führe ich so über die ganze Distanz 100g Zucker (60g Maltodextrin, 20g Fruktose, 20g Dextrose) und etwas Salz zu, in meinen Augen das Optimum.
Ich weiß also, an der Ernährung wird es heute nicht liegen, der Hammermann darf mich nicht kriegen.
Auf der ersten der drei Runde darf das natürlich noch kein Thema sein, an jeder Verpflegungsstelle kurz am Konzentrat nippen, dann Becher greifen, und mit zwei Schlucken Wasser nachspülen, dann zur Kühlung den restlichen Becherinhalt über den Kopf gießen, den Becher wegwerfen, dann die vom Gel klebrigen Finger in den Haaren abwischen und zur besseren Kühlung mit den nassen Fingern die Brust befeuchten. Alle etwa 2 Kilometer das gleiche Ritual.
Ansonsten versuche ich mich aufs Laufen zu konzentrieren, immer schön den Rhythmus halten, im Oberkörper locker bleiben, schön den Schritt sauber abwickeln. Kilometer fünf passiere ich nach 19:50, die zehn nach 39:58. Ein Zeitpolster laufe ich so nicht heraus, das ist mir klar, aber auch gleichgültig. Einfach weiterlaufen, denke ich mir.
Ja, und was macht man sonst während so eines Laufs? Bei Rückenwind fehlt mir die Kühlung, ich freue mich auf Gegenwind, bei Gegenwind frage ich mich, ob ich mehr Anstrengung investieren soll, um keine Zeit zu verlieren, bei km 8-10 der Runde starre ich wie gebannt auf den kaputten Asphalt, um wenigstens die größten Löcher zu umschiffen.
Und weiter? Noch etwas? Mir geht so einiges durch den Kopf, meine Gedanken treiben umher. Alles in allem begleitet von der Melodie eines Liedes, das ich am Morgen beim Frühstücken das erste mal hörte. Wer hat das noch nicht erlebt? Beim Laufen einen Ohrwurm zu haben und den in Ermangelung anderer akustischer Reize auch nicht loszubekommen.
Irgendwann komme ich am Start vorbei, es geht auf die zweite Runde. Der Moderator kündigt mich als Führenden an, dicht gefolgt vom Zweitplatzierten. Kurz stutze ich verschreckt, aber der Mann am Mikro sieht seinen Irrtum bald ein, es ist der ins Ziel laufende Führende des Laufes einer andern Streckenlänge.
Einige Teilnehmer der anderen Streckenlängen sind im zeitlichen Verlauf punktförmige Begleiter meines Laufs. Ich überhole versprengte Läufer und manchmal kleine Trauben, mich immer freundlich ankündigend (die letzte halbe Stunde des Laufs sei an dieser Stelle schonmal explizit ausgenommen), ein Miteinander gehört dazu, jeder gibt sich ja Mühe und läuft wie er kann.
Überholt werde ich auf der zweiten Runde vom ersten Läufer des Halbmarathons. Er, auf 1:14er Kurs, überholt mich doch recht zugig. Sein zügiges Entfernen ruft mir mein Tempo wieder deutlich ins Gedächtnis: 4 Minuten pro Kilometer! Das muß doch gehen. Inzwischen fühle ich mich auf dieser zweiten Runde auch etwas besser. Ich merke, wie ich mir die Beine ein Stück frei gelaufen habe. Bis zum Halbmarathon (1:23:51) hole ich mir ein Polster von etwas über einer halben Minute raus. Ich denke mir: och, das war schon die Hälfte, noch ein paar Kilometer und es ist nur noch ein kurzes Stück. Ein paar Minuten weiter werde ich auf der Superlochpassage wieder von der Realität eingeholt. Mit meinen dünnen Wettkampfschlappen an den Füßen, verspüre ich jedes Loch als Krater. Ich merke, wie ich die Arme abwinkle, um die Balance zu wahren. Dieses Stück soll mich böse meine Kraft kosten, wie ich unmittelbar danach auch schon bemerke. Ich sage: Mit der Ausbesserung des Belages auf dem Stück wird der Kurs pro Runde über eine halbe Minute schneller.
Nun, wo ich wieder richtigen Boden unter den Füßen habe, ziehe ich das Tempo merklich an. Ich muß ja schließlich das langsame Stück kompensieren. Nur irgendwie ist nicht mehr viel da, drinnen in mir. Ich bin platt. Dabei sind gerade mal 25 Kilometer absolviert. Trotzdem laufe das Tempo, mein Belastungsempfinden, wie auch mein Puls steigen dabei deutlich an. Normalerweise laufe ich einen Marathon mit etwa 160 Schlägen/min durch, jetzt liegt er bei 170 und über 15 Kilometer liegen noch vor mir! Meine Erfahrung ist bislang eindeutig: Steigt während eines Marathons mein Puls in der Weise an, dann halte ich das Tempo noch zwei, drei Kilometer, dann platze ich, die Beine bleischwer und kaum noch fähig, sie richtig anzuheben.
Ich denke mir „na super“, versuche aber einfach noch jeden Kilometer mitzunehmen. Lieber gehe ich ins Ziel, als daß ich jetzt kalte Füße kriege und freiwillig verlangsame.
Mit jedem Kilometer ist es eh ein Kilometer weniger! Und wenn ich den Letzten geschafft habe, dann packe ich auch den Nächsten.
Dritte Runde. Im Geiste verabschiede ich mich von jeder Kurve, von jedem eingeprägten Etwas. Ich werde es heute nicht wiedersehen. Noch ein letztes Mal mit Rückenwind den Hinweg der Strecke absolvieren. Inzwischen hat der Wind aufgefrischt und ein leichter Nieselregen sprüht auf mich herab. Eine angenehme Erfrischung, die einen positiven Aspekt reinbringt. Ich denke mir, freu dich doch, daß es regnet. Schön, wie man sich zur Not an so etwas hochziehen kann.
Dann geht es auf den Rückweg der Runde. Der Wind steht mir im Gesicht, bremst mich in meinen Drang, möglichst zügig zu laufen. Der Puls steigt indes weiter. Aber so langsam kann ich mir nicht mehr vorstellen, nicht durchzukommen. Nur die Gesamtzeit! Schaffe ich die 2:48:47? Mein 30-Sekundenpolster braucht sich langsam auf. Da kommt auch schon die letzte Durchquerung der bösen zwei Kilometer – die mit den Löchern! Mein Puls nähert sich langsam der 180, ich habe das Gefühl, jemand hätte mir eine reingehauen. Ich hasse es ja so schon, auf unebenem Grund zu laufen, aber das jetzt ist das Letzte. Hinzu kommt, daß ich die Teilnehmer irgendeines Laufs überhole. Ich laufe inzwischen nicht mehr ganz so emotions- und geräuschlos und sie schauen mich entgeistert an. Nur bloß unter dem trügerischen Geschwindigkeitsüberschuß nicht nachlassen. Ich gebe wirklich alles, was drinnen ist, verliere aber auf den zwei Kilometern 16 Sekunden (zuerst 2 Sekunden auf dem Ersten, dann 14 Sekunden auf dem Zweiten: Da war mein Zahn gezogen). Km39 ist erreicht. Nur noch ein klitzekleines Stück. Ich schaue auf die Uhr: 2:36:00. Ich darf nicht mehr langsamer werden, nein, ich muß noch forcieren; das Polster ist aufgebraucht! Oh Schreck, das Nichteinhalten des Tempos war schon fies, jetzt muß ich Druck machen und Zeit rauslaufen.
Mein Vereinskollege Oli Witzke, verletzungsbedingt nicht am Start, radelte schon das Rennen über durch die Gegend und schoß hier und da Fotos, jetzt weicht er nicht mehr von mir. Er feuert mich an, blökt, ruft, klatscht. Die Motivation ihn zu erwürgen gibt mir zusätzliche Kraft. Danke dafür und für die tollen Bilder!
Es geht auf die letzten 1,2 Kilometer. Vor mir eine Ansammlung aus sehr langsamen Läufern und Stockgehern. Der Weg ist saueng, mein Gesichtsfeld ist auf einen feinen aber diffusen Strahl nach vorne reduziert. Ich habe das Gefühl, ich kippe gleich aus den Latschen und dann so etwas. Ein wenig muß ich die aufkeimende Panik niederkämpfen, aber irgendwie komme ich durch. Dann eine winkelige rechts-links-rechts-Kombination. Ich fühle mich, ich bin mir fast sicher, ich habe zu früh zur Schlußoffensive geblasen. Zum Glück geht es nun für etwa 200 Meter ganz leicht bergab. Ich möchte rausnehmen, meinen Kreislauf entlasten, dem Schmerz Zugeständnisse machen, aber ich will schneller laufen, forcieren, alles geben.
Ich erreiche den Start. Der Moderator verkündet meinen Namen. Ja, ich habe gewonnen. Aber das ist mir völlig wurst. Ich weiß es, wie saumäßig knapp das mit der Zeit wird. 90 Grad links, 100 Meter geradeaus, dann rechts: Einlauf in die Arena – ähäm, den Aschenplatz. Wie ein Olympiasieger darf ich noch 300 Meter laufen. Mir kommt der Gedanke auf: Rechts von mir, Luftlinie nicht weit entfernt ist das Ziel. Aber noch bin ich nicht da. Egal, was gleich sein wird, jetzt muß ich noch laufen. Ich tue dies, so schnell, wie eben möglich, bringe alle Kraft auf. Ich laufe auf – auf einen Stöppke einer kurzen Strecke. Nur vorbei, nicht aufhalten lassen! Ich will ihn in der Kurve außen überholen, aber es geht nicht, ich bin zu langsam. Ausgangs der Kurve sehe ich in der Entfernung das Ziel. Ich visiere es an: Dort ist der Punkt, genau dort geht es hin. Ich will die Zeit sehen, mir sicher sein. Die Uhr im Zielbogen zeigt bereits 2:49:xx. Mist. Aber egal – so schnell wie es geht über die Linie, nur über die Linie! Meine letzten Schritte dahin, mein ganzer Körper arbeitet.
Völlig außer Atem und pumpend überkommen mich doch Zweifel an der Richtigkeit der angezeigten Zeit. Erst als ich auf meine eigene Uhr schaue, weiß ich, ich habe es geschafft: 2:48:21 – Sechsundzwanzig Sekunden habe ich noch rausgelaufen. Ich bin völlig platt, aber ich habe es geschafft.