Unterwegs zu Hause

Es gibt nicht nur superreiche und reiche Leute in Newport, sondern auch ganz normale Menschen (z.B. unsere Freundin) und: Läufer!

01.06.2006

Vier Tage war ich in den USA, in Newport, Rhode Island. Der Anlaß nicht sehr schön: Einer Freundin von Britta und mir geht es gesundheitlich und aus anderen Gründen recht schlecht. So schiebe ich über Himmelfahrt einen Kurzbesuch bei ihr ein.

Newport ist einer DER Segler-Orte auf der Welt. Bis vor wenigen Jahren startete hier der America's Cup. Überhaupt ist Newport ein Nest der reichen Leute. Die ganz alten amerikani¬schen Familien wie die Liptons, Vanderbilts, Woolworth, .... und wie sie alle heißen, haben hier ihre „Sommerresidenzen“ (ein Eindruck unter http://tickets.newportmansions.org/mansion.aspx?id=1004) gebaut. Nachdem eine Familie mit solch irrwitzigen Gebäuden - mit denen teilweise europäische Schlösser kopiert wurden - angefangen hatte, wollte die nächste natürlich noch schnieker bauen. Das Ergebnis ist eine Ansammlung von "Häusern", die auf der Welt wohl ihresgleichen sucht. Auch die Kennedy's hatten ihr Häuschen in Newport; John F. und Jacqueline ha¬ben hier geheiratet ....

Aber, es gibt nicht nur superreiche und reiche Leute in Newport, sondern auch ganz normale Menschen (z.B. unsere Freundin) und: Läufer!

Angekommen sehr spät am Mittwochabend, mache ich Donnerstagmorgen mein erstes Läufchen, um die vom Flug müden und unbeweglichen Knochen zu lockern. Eine wunderschöne Gegend. Ich laufe den sogenannten „Cliff-Walk“ am Meer entlang. An dessen Ende dann Wechsel auf den "Ocean Drive" (http://www.oceandrivenewport.com/) und auf der Straße weiter am Meer entlang. Der Blick ein Traum! Britta kennt dies auch; im letzten Jahr sind wir diese Strecke zusammen in Schnee und Eiseskälte gelaufen. Widererwarten tut mir nach den 90 Minuten meine leidige Ferse nicht weh. So kann es dann weitergehen mit dem Laufen hier, vielleicht morgen, am Freitag?

Freitag, später Nachmittag: Ich laufe jetzt in die andere Richtung, ebenfalls am Meer entlang, aber am Rande einer mässig befahrenen Straße. Ich will bis Middletown und zurück laufen; das werden so ca. 2 Stunden werden. Nach 45 Minuten werde ich überholt von kleinen Läufergruppen von 4 bis 7 Leuten. Mein erster Gedanke: „Die machen ja Tempo-Training!“ Von den Vorbesuchen her weiß ich, daß es in der Gegend kein Leichtathletik-Stadion und keine Bahn gibt, auf der Tempo-Training möglich wäre. Scheinbar nutzen die sportlich ambitionierten Läufer in Newport dazu diese Straße hier. Was tun? Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, die Läufer an mir vorbeiziehen zu lassen und dabei ruhig zu bleiben. Das „Rennpferdchen“ in mir meldet sich zu Wort ... und eh’ ich mich versehe, hat das Rennpferdchen die Dinge in die Hand genommen. Ohne weiteren bewußten Gedanken habe ich mich einer dieser Gruppen angeschlossen und laufe deren Tempo mit. Ungefähr 4-er Schnitt schätze ich. Nach 300 - 400 m meldet sich mein „Bedenkenträger“ im Kopf zu Wort: „Du hast doch wegen deiner Verletzung lange kein Tempo-Training gemacht und bist doch eigentlich fast völlig außer Form! Was treibt dich eigentlich hier? Was passiert, wenn die dieses Tempo länger durchhalten, als du es in deiner augenblicklichen Verfassung schaffst? Das kann ja ein peinliches Ende nehmen ....“

Aber (zum Glück) nach - wie ich schätze - 600 - 700 m stoppt die Gruppe und schaut mich fragend an. Nach dem in den USA üblichen "how are you" und entsprechendem kommunikativen Oberflächengeplänkel frage ich, ob die Truppe Tempo-Training macht und ob ich mittrainieren kann. Selbstverständlich geht dies, ich bin herzlich willkommen. Die Truppe hat bereits 6 x eine halbe Meile hinter sich und noch weitere 4 x vor sich. Im Kopf baut sich der Gedanke auf: „Na ja, das geht ja. Das kriegst du gerade noch hin. Und das paßt ja sogar ganz gut, um wieder ins Training reinzukommen.“ Am Ende erfahre ich, das der Verein aus Middletown kommt (den Namen habe ich leider inzwischen vergessen) und auf dieser Strecke regelmäßig sein Tempo-Training macht. Morgen (Samstag) steht - zumindest einige Leute - ein anderthalbstündiges langsamens Läufchen auf dem Programm. Ob ich Lust habe mitzukommen, werde ich gefragt. Klar habe ich Lust, weiß aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob das mit den anderen Aktivitäten, die hier auf mich zukommen, zusammenpaßt.

Natürlich drehe ich die Termine am Samstag so, daß ich mitlaufen kann. Treffpunkt ist in Middletown um 3 Uhr nachmittags. Mit 18 - 20 Leuten traben wir ganz gemütlich auf einer wunderschönen Strecke am Meer entlang: Teilweise Straße, teilweise befestigte Wege durch klippige Felslandschaft. Einige Male laufen wir durch die Gischt der anbrandenden Wellen, die an diesem Tag recht hoch sind. Wunderschön, obwohl das Wetter recht neblig ist und wir nicht allzuviel von den Schiffen draußen sehen können. Wir hören nur das Nebel-Tuten der Küstenstationen.

Die Rede-Themen sind eigentlich die gleichen wie bei uns: die nächsten Rennen, Trainingstreffen, ein bißchen Politik vom Lokalen bis hin zu bösartigen Sprüchen über Bush und Hänseleien derjenigen, die ihn auch beim letzten Mal gewählt haben. Die sind aber merkwürdigerweise ganz ruhig und halten sich "stickes".

Während dieses Laufes erfahre ich, daß ich hier in eine recht schnelle Truppe geraten bin. Zwei laufen Marathon so um 2:30, zwischen 2:30 und 3 Stunden sind einige dabei. Ich werde aber mit meiner Bestzeit voll akzeptiert - bin mir aber sicher, ich wäre auch sonst herzlich willkommen. Die Zeiten sind ansonsten nur schwer vergleichbar mit unseren, da es natürlich in den USA 10 km als Strecke nicht gibt. Die laufen hier als Hauptdistanzen (neben Marathon) 5 und 10 Meilen, was ungefähr 8 bzw. 16 km entspricht. Halbmarathon gibt es zwar auch, wird aber zumindest von den Leuten in der Truppe hier eher selten gelaufen.

Sonntagmorgen um 7 Uhr treffen sich Phil, Jane, Chris und drei weitere, deren Namen ich nicht mehr erinnere, für ein 2-Stundenläufchen mit Tempowechseln. Natürlich bin ich dabei! Wieder eine wunderschöne Strecke, allerdings nicht am Meer entlang, sondern über leichte Hügelwellen durch Wald und Wiesen. Die Wege sind zwar teilweise asphaltiert, trotzdem ist die Gegend nicht vollkommen unterschiedlich zu unserem Bergischen Land. Nur, daß bei uns die Hügel etwas höher und die Steigungen etwas länger sind. Wunderschönes Wetter, schöne Gespräche, .... Am Ende der zwei Stunden weiß ich immer noch nicht, was Phil, Jane, Chris und die anderen beruflich tun - solche Dinge sind hier genauso unwichtig wie bei uns. Nach dem Dehnen verabschieden wir uns voneinander: „Wenn du noch einmal hier bist, melde dich wieder. Du weißt ja inzwischen, wann wir wo trainieren. Zumindest das Tempo-Training findet immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort statt. Komm vorbei!“ Und natürlich im Gegenzug: „... und wenn ihr mal hier in der Gegend Köln-Düsseldorf seid, kommt bei uns vorbei; auch bei uns gibt’s eine tolle Lauftruppe und ihr seid bei uns genauso willkommen, wie ich es bei Euch war!“

Beim Einsteigen ins Auto kann ich einen leichten Anflug von Wehmut kaum unterdrücken. Es ist toll, wie ich als Läufer aufgenommen worden bin, so, als würde ich einfach dazu gehören und hier zu Hause sein. Ein schönes Gefühl als Läufer ...: "unterwegs zu Hause.“

Norbert Körschgen