Laufen kennt keine Grenzen

RTB auf internationalem Parkett in Sachen Marathon in St. Petersburg unterwegs ...

22.06.2006 - 29.06.2006


Liebe Marathonis,

das Abenteuer „Weiße-Nächte Marathon“ in St. Petersburg war ein voller Erfolg. Sechs Monate Vorbereitung, Abstimmung, Kontaktaufnahme, etc. haben sich gelohnt. Dank Mila und unserer Kontaktperson in St. Petersburg haben wir neben der notwendigen Unterkunft, Kontakt zu einem der besten Laufclubs in Russland aufnehmen können. Bereits im Vorfeld haben wir schon davon erzählt, was wir jedoch erleben durften schlägt das Erwartete um Längen.

So nun aber eins nach dem anderen.

22.06.06: Abreise
Am 22.06.06 starteten wir mit 2 Stunden Verspätung von Frankfurt in Richtung St. Petersburg mit einer betagten alten Dame, der TU154 (Tupolev 154).
Der Flug verlief angenehm und wir landeten um 23.00 h (Ortszeit) in St. Petersburg. Nachdem wir unsere Unterkunft bezogen hatten sind wir gegen 0.30h erst einmal einkaufen gegangen. Gegen 01.30 h haben wir noch etwas gegessen und uns dann gegen 03.00 h auf Matratzenhorchstation begeben.

23.06.06: Anmeldung und Abholung der Startunterlagen
Am 23.06.06 war es soweit. Nachdem wir nach einigen Telefonaten den Ort des Geschehens (Winterstadion) gefunden hatten haben wir uns an der Meldestelle für ausländische Teilnehmer eingetragen. Alles lief perfekt ab, vielleicht anders wie wir es gewohnt sind, aber perfekt. Gegen 13.00 h waren Mila, Fanny (Milas Freundin) und ich stolze Besitzer einer Startnummer, und diversem Zubehör.

Den Rest des Tages haben wir mit so angenehmen Dingen wie Faulenzen im Sommergarten des Zaren verbracht. Abends gab es Vollkornnudeln, sehr zum Unbehagen unseres Kameramannes Jens (Mann von Fanny). Das Thermometer zeigt gegen 17.00 h rd. 28 °C, gegen Abend regnet es stark.

Um 17.00 h haben wir ein Treffen mit dem Vorsitzenden des Laufclubs vereinbart, Mila und ich sind natürlich sehr gespannt. Vladimir entpuppt als ein außergewöhnlich netter und aufgeschlossener Mensch, wie Läufer halt so sind. Wir unterhalten uns eine längere Zeit und verabreden uns für den 24.06.06 um 16.30h. Vladimir will uns dann bei der Einordnung in die Startblocks helfen.

24.06.06: Es ist soweit ...Weiße Nächte Marathon
Der Tag der Tage ist gekommen. Um 17.00 h startet der Marathon.

Den Vormittag verbringen wir mit Spazierengehen und ein bisschen Shopping.
Ab Mittags werden die Beine hochgelegt Die Luftfeuchtigkeit vom nächtlichen Regen nimmt zunehmend ab, gegen 16.00h haben wir eine Temperatur von ca. 25 °C und starken Wind. Gegen 16.00 h machen wir uns zu Fuß (ca. 2 km) auf den Weg zum Start vor dem Winterpalast der Zaren (Heremitage). Stolz tragen wir die RTB-Trikots, unsere Startnummern und tätowierten Deutschlandfahnen, viele Leute schauen uns neugierig an.

Vor dem Schlossplatz werden alle Rucksäcke, Taschen, etc. kontrolliert bevor wir durchgelassen werden. Mittlerweile herrscht im Startbereich ein reges Treiben. Die Läufer wärmen sich auf und bereiten sich mental vor. Gegen 16.30 treffen wir Vladimir der sich gerade warm läuft.

Vladimir nimmt uns mit, zeigt unserem Kameramann seine Standplätze und gibt uns noch einige wichtige Infos. Vladimir läuft heute nur 10 km (lt. Trainingsplan darf er nicht mehr). Will aber ungefähr eine 0:34 laufen (M55). Er hat Mila und Funny versprochen sie bei km 21 und 30 zu verpflegen, ...mal sehen ob er da ist ???

Die übliche Nervosität hat uns längst erfasst. Um uns herum nur das Stimmengewirr der Lautsprecher, das Rockkonzert für die Zuschauer, ein paar Meter weiter ... KLASSE !!!

Mila ist nervös ... schaffe ich es ??? Ich bin sowie nervös ... was wird aus meiner Verletzung, hält mein Bein ??? Wir fassen uns an die Hände und machen uns Mut.

Ein letztes Mal auf Klo und nichts wie ab in den Startblock ... Dort treffen wir Vladimir mit seinen Vereinskameraden aus Gatchina, wir schwätzen weiter und wünschen uns alle viel Glück. Ein Vereinskamerad von Vladimir will heute eine 3:20 laufen, er fragt ob ich mitlaufen will. Ich sage, dass ich verletzt bin und langsam laufen möchte (aber der Ehrgeiz hat mich schon wieder gepackt)... Ingo, du kannst dich hier nicht blamieren, denke ich. Wir stellen uns vorne hin und warten auf den Startschuss ...tri, dwa, adin ... PENG !!! Es geht los. Mila, Fanny und ich laufen los, nach 100 Metern verabschieden wir uns.

Nach den ersten Kilometern hat sich das Feld bereits auseinander gezogen. Schon jetzt ist erkennbar, dass sich die Passanten und Touristen eigentlich gar nicht für den Marathon interessieren. Wir passieren die 5 km Marke, meine Zeit liegt bei 0:23 h.

Nach 10 km die erste Verpflegung. Ein Schwamm, ein paar hundert Meter vorher Wasser (Plastikflaschen 0,33l), ich nehme direkt 2 Stück. Zwischen km 10 und 20 laufen wir durch Alleen und über stark befahrene Straßen. In den Alleen fliegen uns die Pappelblüten, durch den starken Wind, ins Gesicht, Augen und Mund.
Auf den Straßen müssen wir einigen Autofahrern klar machen dass wir heute Vorfahrt haben. Bei km 17 ist ein Chauffeur in einer Stretchlimousine anderer Meinung und hält voll drauf, ich kann gerade noch vorbeihuschen. Der Polizist hält ihn rüde an und ich denke: „Du Idiot, geschieht Dir Recht“

Bei km 17 ruft mir eine kleine Frau meine Zeit zu und ein nebenstehender Mann schreibt diese auf. Wir werden also doch kontrolliert.

Bei km 21 überqueren wir erneut die Neva (Fluß in St. Petersburg). Hier steht Jens, unser Kameramann, und ich winke im fleißig zu. Erfreulicher Weise stehen hier einige hundert Leute und feuern uns an.

Seit km 15 laufe ich mit dem Vereinskameraden von Vladimir zusammen. Wir unterhalten uns auf Englisch, Russisch, Deutsch ... mit Armen und mit Beinen. Bis km 25 bleiben wir zusammen, dann lässt er abreißen. Ich laufe allein weiter.

Bei km 30 laufen wir auf die „Prachtstraße von St. Peterburg“ Diese war teilweise für den Verkehr gesperrt.

Ansonsten:

Kurz hinter den Newsky-Prospekt (normaler Straßenverkehr mit Läufern) verpasst mir ein Bus eine volle Ladung ... von wegen Rußpartikelfilter !!!

Ab km 32 haben wir permanenten Gegenwind. Wir laufen an der Neva entlang auf einer teilweise gesperrten Hauptverkehrsstraße. Die Beine werden schwerer. Da steht er, der Mann mit dem Marathonhammer... ich ducke mich ... er schlägt vorbei.

Der Wind wird ab km 35 immer stärker, ich komme mir von als stehe ich. Wir laufen durch einen Tunnel. Da steht eine Amerikanerin, die uns eifrig anfeuert.

Hurra, ich passiere km 40, letzte Verpflegungsstation. Bei km 41 bekomme ich einen Krampf, aber nach einer halben Minute geht’s weiter. Bei km 42 sehe ich Jens mit meiner Deutschlandfahne. Ich schmeiße meine Wasserflasche weg, schnappe mir die Fahne und laufe, laufe, laufe mit der Deutschlandfahne durchs Ziel. Am Zielkorridor stehen vielleicht 1.000 Leute. Die Menschen jubeln mir zu und finden es offensichtlich toll das einer mit seiner Nationalflagge durch Ziel läuft. Ich genieße diesen Moment und laufe zufrieden in 3:22:57 über die Ziellinie.

Da steht Vladimir. Wir kennen uns erst einen Tag, aber wir umarmen uns wie Freunde. Er schüttet mir Wasser über die Beine und erzählt was er für eine tolle Zeit gelaufen ist (0:34:19), wir umarmen uns wieder. Er erzählt das er Mila und Fanny bei km 21 und 30 getroffen und verpflegt hat. Die beiden haben die Marke km 30 bei 3:05 passiert. Ich freue mich riesig und wir sind uns einig, dass Mila und Fanny mit 4:20 bis 4:25 durch Ziel laufen.

Vladimir verschwindet für ca. 20 Minuten. Als er wiederkommt klopft er mit auf die Schulter und gibt mir eine Dose Bier. Für Mila und Fanny hat er je eine Tafel Schokolade besorgt ... was für ein netter Kerl. In meine Deutschlandfahne gehüllt warten wir auf die beiden.

ENDLICH, sie kommen und laufen Hand in Hand in 4:23:31 durch Ziel

Mila hat ich Ihren 1. Marathon geschafft, vor Freude steht mir das Wasser in den
Augen. Nach einiger Zeit verabschieden wir uns von Vladimir und verabreden uns für Sonntag zur Siegerehrung. In unsere Trainingsjacken gehüllt gehen zurück in die Wohnung, ein optimales Auslaufen.


25.06.06: Mila hat Geburtstag
Nach dem Duschen geht’s zum Einkaufen.

Gegen 00:30h gibt’s Essen. Um 1:30 h schlägt Mila vor zur Zugbrücke (hinter dem Winterpalast) zu gehen und zuzuschauen wie die Schiffe aus dem Hafen die Neva rauffahren. Wir marschieren los und sind um 02.00h vor Ort. Der Champagner wird geköpft und wir feiern an der Brücke Milas Geburtstag und den 1. Marathon von Mila und Fanny. Gegen 04.00 h machen wir uns auf den Rückweg, gegen 06.00 h sind wir im Bett

WIR SIND VOLLKOMMEN PLATT !!!

Um 12.00 h treffen wir uns mit Vladimir zur Siegerehrung und gehen danach mit einigen Leuten in ein Straßenkaffee.

Wir übergeben im Auftrag des RTB die Funktionsshirts, Ausschreibungen und Freundschaftsnadeln und sprechen die Einladung für den Röntgenlauf 2007 aus.
Nach erstem Zögern wird die Einladung angenommen. Bei der Gelegenheit erfahren wir etwas mehr über die Klasse der Läufer des Vereins:

Wir sind begeistert und erstarren fast in Erfurcht weil alle aus diesem Verein so gut sind. Wir verabreden ein Treffen für den 27.06.06 in Gatchina, wir sind bei Vladimir zu Hause eingeladen.

26.06.06: Kultur
Wir besuchen den Sommerpalast von Peter dem Großen (Versaille von St. Petersburg)

27.06.06: Besuch in Gatchina
Wir besuchen Vladimir und seine Frau zu Hause. Am Zug werden wir abgeholt und wir begrüßen uns bereits wie gute Freunde. Direkt geht es zu Vladimir nach Hause wo wir gemeinsam einen Imbiss einnehmen. Im Wohnzimmer ist ein Regal, zum Bersten voll mit Pokalen, Medaillen, etc…..natürlich möchte ich die Medaille der Europameisterschaft sehen (ganz schön schwer das Ding). Während des Essens wird viel erzählt und wir beschließen einen Spaziergang durch den Park, das Trainingsgelände des Vereins, zu unternehmen. Wir werden beschenkt und erhalten auch einen Taler, bestimmt für den RTB.
Ein Geschenk was uns besonders stolz macht, weil wir ja auch irgendwie als Botschafter des Vereins unterwegs sind. Wir bekommen das Trainingsgelände gezeigt und treffen unterwegs den Trainer des Vereins. Der Trainer ist hier nicht nur Trainer sondern Vorbild, Idol und ... was er sagt wird gemacht. Wir erfahren, dass er Berufstrainer war und die russischen Skilangläufer trainiert hat. Mila erzählt ihm, dass ich irgendwann einmal den Marathon unter 3 Stunden laufen möchte. Daraufhin muss ich ihm eine Menge Fragen beantworten und er beschließt mir einen Trainingsplan zu erstellen.

Wir treffen auch Jura, den jungen Mann der die Homepage pflegt. Er ist sehr stolz darauf, dass der Kontakt über die Homepage zustande gekommen ist.
Jura ist ein 26-jähriger Spitzenläufer (< 2:30h) der den Marathon in Riga gewonnen hat. Nach dem Spaziergang zeigt man uns die Vereinsräume (6-10 qm) wo wir gemütlich mit 5 Personen Tee trinken. Wir beschließen ein Gästebuch zu eröffnen und Mila und haben die Ehre die ersten zu sein. Wir sprechen konkret über den Röntgenlauf 2007 und erhalten eine feste Zusage !!!

Nun ist es Zeit uns auf den Weg zu machen, denn am Abend erwartet uns „Schwanensee“ als Ballett.

28.06.06 bis 29.06.06:
Die Zeit vergeht wie im Flug und schon sind wir am 29.06.06 wieder in Frankfurt

Mila und Ingo

P.S.: Ein großes Danke schön für die tolle Unterstützung mit Funktionsshirts,
Bändern, Schlüsselanhängern, etc. das war echt klasse von Euch.