Quo vadis Udo

Quo vadis Udo

13.02.2014

Quo vadis Udo?

2. Lauf der Hildener Winterlaufserie 2014, 15 Km, am 19. Februar 2014.

Teilnehmer: Heike, Udo, Piet, Bernd und Gerd

Strecke: 3 Runden im Wald ohne Blätter an den Bäumen, Winterlauf halt.

Nachdem es beim 10 KM-Lauf in Hilden ganz gut geklappt hat mit dem Einstieg in die AK 60 („Jetzt starte ich noch einmal durch“.), ich belegte den 2. Platz in der AK, erwischte mich in den Tagen danach eine fiese Erkältung. Eine Woche kein Training, Triefnase und Husten ließen mich wissen: „das wird nix mehr“. Egal, dachte ich mir, läufst du halt langsamer. Die Serie ist bezahlt, Geld gibt es keins zurück und ich bin doch kein Weichei.

Udo sagte mir dann noch, dass er ohnehin keine Zeit unter 1.20 über 15 Km laufen könne, eher so um die 1:25, so dass ich mich darauf einrichtet, einen netten Begleiter auf der Strecke zu haben. Wird es heute halt gemütlich – und einen Platz unter den ersten Drei meiner AK war ohnehin nicht mehr zu halten. Genuss pur.

Es fing auch genauso an: Moderates Tempo von Udo und mir. Wir hatten noch Luft und unterhielten uns nett auf der Strecke. Die „Junghirsche“, die uns am Anfang optimistisch überholten, schauten wir alten Profis nur mitleidsvoll an. Was ist das doch schön, wenn man einen netten Vereinskollegen hat, mit dem man sich gut versteht. Dafür ist man ja schließlich auch in einem Verein. Laufen kann die schönste Sache der Welt sein. Wundervoll.

Das mit dem „gut verstehen“ ist aber interpretierbar; und eigentlich neu war diese Lektion für mich nicht, ich hatte sie nur vergessen. An einem kleinen und giftigen Anstieg setze Udo kurz zum Sprint an und ließ mich hinter sich. Ach, dachte ich, ist doch nicht so schlimm, der warte doch bestimmt oben. Oben angekommen lief Udo weit vor mir. Aha, der will mich bestimmt motivieren, nach vorne zu kommen, gleich wartet er ja – also alles im grünen Bereich.

Ziemlich schnell hing mir sprichwörtlich die belegte Zunge aus dem Hals, so dass der Versuch, nach vorne zu gehen, schnell abgebrochen werden musste. Jegliche Tempoverschärfung blieb erfolglos. Ich fühlte mich müde und zerschlagen. Man hatte mir, wie man früher unter Läufern sagte, einfach den Strom abgestellt; der Akku war leer. Dieses Misserfolgserlebnis wurde aber von dem positiven Gedanken getragen, dass Udo gleich auf mich warten würde. Dann würde der schönste Teil des Laufes beginnen. Versprochen ist versprochen. Ehrensache. Gleich würden wir den Rest der Strecke zusammen laufen und uns viel zusammen zu erzählen haben.

Mittlerweile hatte ich die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht und Udo war nicht mehr zu sehen. War ihm etwas passiert? Lag er hilflos im Graben? Zu sehen war nichts. Der Graben war leer und ein Krankenwagen war auch nicht an mit vorbei gebrettert. Besorgt fragte ich einige Zuschauer am Rande nach dem Verbleib eines weißhaarigen Läufers mit sonorer Stimme. Aber auch sie wussten nichts über einen Notfalleinsatz. Gott sei Dank! War Udo bereits ausgestiegen und wartet schon mit diesen muffigen Waffeln des Veranstalters und einem Glas lauwarmen Tee auf seinen liebsten Vereinskollegen im Ziel? Bestimmt! Das muss so sein, dachte ich mir. Kann gar nicht anders sein. So ist das unter echten RTBlern. Man hilft sich, wo man kann.

Mit dieser Vorstellung konnte ich mich ein wenig beruhigen und setzte meinen langsamen Trott weiter fort. Gegen Ende der letzten Runde wurde es dann doch ziemlich einsam auf der Strecke. Das Gros der Läufer war durch. Es pendelten langsam die versprengten Langsamen ins Ziel ein, die, die jede Veranstaltung aufhalten, weil sie so langsam sind, und ich war unter ihnen… und als ob es um mein Leben ginge, versuchte ich am Ende dieses unbedeutenden Laufes so eine Art Seniorenendspurt aus Parkett zu legen. Das muss von außen eher tragikomisch ausgesehen haben.

Ich schmiss die Beine, die eigentlich gar nicht mehr wollten, nach vorne, was nur meine O-Beine und meinen krummen Rücken noch mehr betonte – „guck mal Mama, der alte Mann, der geht so komisch, ist der krank“ - um unbedingt eine Zeit unter 1:20 zu erreichen. Geschafft!

Jetzt wollte ich mich aber um Udo kümmern, wollte ihn aufmuntern, weil er ja vermutlich „abgebrochen“ hatte. Der aber stand grinsend im Ziel und war 5 Minuten schneller gelaufen als ich. Wie nett von dir, antwortete ich ihm vorwurfsvoll und suchte empört die Beschwerdestelle des Veranstalters, bei der man sich über Vereinskollegen beschweren kann, die sich nicht an Vorgaben halten. Aber an so etwas hatte der Veranstalter gar nicht gedacht. Das „Ding“ war eben schlecht organisiert.

Piet war es auch ziemlich „schlecht“ ergangen. Er war 8 oder 10 Minuten schneller als ich (Schaut gefälligst selber in der Ergebnisliste nach!) So richtig mitfühlen konnte ich da aber in diesem Augenblick nicht. Sorry Piet!

Ich finde, sagte ich spöttisch zu Udo später im Auto, man hätte dich disqualifizieren sollen. Man lässt seinen Laufkumpel nicht in der Fremde allein. Dann schauten wir uns an und prusteten vor Lachen laut los. Wir kennen uns schließlich schon seit Jahrzehnten. Udo meinte dann, schreib doch einen Artikel darüber. Meinetwegen, sagte ich lachend, aber dann kriegst du dein Fett ab. Udo grinste nur (Heike auch) und konterte: Ist doch egal, ein Artikel muss ja nicht immer ernst ausfallen.

Gesagt, getan.

Später, zu Hause, in einem warmen Wannenbad liegend, fiel mir dann wieder der heilsame Spruch von Anthony Quinn ein:

„Natürlich kann man mit sechzig noch so sein wie mit vierzig. Aber nur eine halbe Stunde am Tag“. Wie wahr, wie wahr. Das war für mich die Erklärung des Tages … und weil ein 15 Km-Lauf länger als dreißig Minuten dauert, klappt das im Alter auch nicht mehr so gut… bei mir… und bei Udo?

Gerd Dürr